Neues Lernen heißt, individuelle Kräfte gemeinsam zu entfalten

 

Freiheit ist eines meiner Lieblingsthemen, auch wenn dieses große Wort unterschiedliche Assoziationen wecken mag. Daher zunächst: Für mich bedeutet sie vor allem, ge-lassen zu sein, so wie ich bin, nicht in eine Form gepresst zu werden, sondern vielmehr der eigenen Individualität Ausdruck verleihen und Begabungen und Talente sinnvoll einsetzen zu können.

 

Gaben und Talente, davon bin ich überzeugt, lassen sich jedoch schlecht standardisieren, in Excel-Listen erfassen und ja, manchmal auch überhaupt nicht messen. Dennoch sind sie wahrnehmbar und vor allem aus gutem Grunde vorhanden. Sie wirken jedoch in jedem von uns auf einzigartige Weise zusammen, sind eng verbunden mit unserer Persönlichkeit und unserer Geschichte.

 

Bildung oder Bewusstsein? 

Warum jedoch basieren Bildungsprozesse noch viel zu oft nach Prinzip der Standardisierung? Vorgefertigte Regeln, systematisch aufbereitetes und auswendig zu lernendes "Wissen", das möglichst viele - Schüler und Studenten - möglichst perfekt auf den Arbeitsmarkt vorbereitet… Kreativität und ungewöhnliche Ideen haben hier wenig Platz. Was nebenbei den Effekt hat, dass diejenigen, die nicht "ins Bild" passen, eben passend gemacht werden. Für einen Arbeitsmarkt, der sich in den kommenden Jahren so rasch und multidimensional verändern wird, dass wir doch besser schon jetzt neue Wege beschreiten. 

 

Denn: Bereiten bisherige Konzepte, die noch unter ganz anderen Voraussetzungen gedacht und entwickelt wurden, überhaupt schon für das Leben im immer schnelleren Wandel vor? Auf dessen Unwägbarkeiten und auf die dabei so wichtige innere Stabilität, die flexibles Agieren und ein selbst-sicheres Leben überhaupt erst möglich macht?

 

Bislang ist es doch eher die Angst vor der Unsicherheit, vor dem Kontrollverlust, die immer mehr Überprüfbares fordert - in Schule, Studium und Arbeitswelt. Vermutlich beginnt es schon im Kindergarten... Hier zwei Häkchen, da ein Befund – schon ist das Gegenüber „greifbar“. Aber ist es wirklich möglich, ein Individuum auf diese Art auch nur ansatzweise zu erfassen? Und vor allem: Welche Potenziale werden erst einmal überhaupt nicht sichtbar, da sie sich in einer solchen  Systematik kaum entfalten, eher sogar zurückgedrängt werden. Das (vermeintlich) Un-Passende, der Widerstand, der sich in mancher Ausprägung zeigt, ist viel eher Ausdruck (und unbewusster Wunsch) eines Individuums, die für es selbst wirklich relevanten Themen und Aspekte aufzugreifen.

 

 

Neue Entwicklungsräume sind gefragt

Denn: Die Herausforderungen unserer Zeit erfordern ein neues Bewusstsein und neue Kompetenzen - sowohl im privaten als auch im beruflichen Zusammenhang. Echte Denk- und Entwicklungsräume gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Räume, in denen es die Möglichkeit gibt, das Gewohnte beiseite zu lassen und „quer“ zu denken, sich bereits andeutenden Aspekten Raum zu geben – und zu erleben, was wirklich in jedem Einzelnen steckt. Und um neue Verbindungen zwischen den Beteiligten zu knüpfen und der uns innewohnenden Kreativität den Freiraum zu geben, die sie braucht. 

 

In solchen Räumen kann es gelingen, sich für mehr als einen Moment einem größeren Zusammenhang zu öffnen und die Dinge von einer höheren Warte aus zu betrachten, eine andere Perspektive einzunehmen und dann eben auch zu- und herauszulassen können, was zum Ausdruck gebracht werden will.

 

Wenn dazu noch Spielräume fürs Handeln geschaffen wird , in denen Selbstwirksamkeit erlebbar wird, geschieht Bedeutsames: Hier entstehen jene Momente, in denen wir Ungeahntes in uns entdecken, weil wir „plötzlich“ mit einer Herausforderung kreativ umgehen, wir uns selbst überraschen. Sie sind kostbar, weil wir eben spüren, dass noch viel mehr in uns steckt... Dass wir in der Lage sind, über uns hinaus zu wachsen. Und dass wir uns selbst vertrauen können. Aus diesem vertieften Bewusstsein heraus fühlt sich das, was wir tun, plötzlich auf eine neue Weise - oder vielleicht auch zum ersten Mal - sinnvoll an. 

 

Jeder kann Zukunft gestalten

Es ist dabei ganz gleich, wie alt wir sind: In uns ruht immer noch etwas, das wir bislang eben nicht entdeckt haben. Und in einer Zeit, in der geradlinige (Berufs-)Lebensläufe der Vergangenheit angehören, tun wir gut daran, schon Kinder und Jugendliche darin zu bestärken: Wir tragen einen inneren Kompass in uns, dem zu vertrauen sich lohnt.

 

Mehr und mehr wird es darum gehen, das individuelle schöpferische Potenzial zu verwirklichen und die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten zu erkennen, um zu dem Menschen zu werden, als der man gedacht ist. Denn so können wir initiativ und engagiert wirken und sind in der Lage, gemeinsam Zukunft zu gestalten.