Freiheit ist, individuelle Kräfte gemeinsam zu nutzen

 

Freiheit ist eines meiner „Lieblingsthemen“, wenngleich dieses große Wort unterschiedliche Assoziationen weckt. Vorab: Freiheit bedeutet für mich nicht, frei von jeglichen Regeln und Strukturen zu sein, und sie ist keineswegs 

narzisstisch.

 

Freies Sein bedeutet für mich, nicht in eine vorgegebene Form gepresst zu werden, sondern vielmehr der eigenen Individualität Ausdruck verleihen und die vielfältigen Gaben und Talente sinnvoll einsetzen zu können. Die lassen sich nun mal schlecht standardisieren, in Excel-Listen erfassen und ja, manchmal auch überhaupt nicht messen. Dennoch sind sie wahrnehmbar und einfach da.

 

Warum jedoch läuft Bildung dann häufig nach diesem Prinzip ab? Vorgefertigte Regeln, systematisch aufbereitetes und auswendig zu lernendes "Wissen", das möglichst alle möglichst perfekt auf den Arbeitsmarkt vorbereitet…

 

Was nebenbei den Effekt hat, dass die, die auf den ersten Blick nicht passen, passend gemacht werden. Für einen Arbeitsmarkt, der sich - davon bin ich überzeugt - in den kommenden Jahren so viel schneller und multidimensionaler verändern wird, als es Bildungsprogramme und Fördermaßnahmen werden aufnehmen können. Und nicht nur nebenbei gefragt: Bereitet das auch schon fürs Leben in zunehmendem Wandel vor? Auf dessen Unwägbarkeiten und die so wichtige innere Stabilität, die flexibles Agieren überhaupt erst möglich macht?

 

Bislang ist es doch eher die Angst vor der Unsicherheit, vor dem Kontrollverlust, die immer mehr Überprüfbares fordert - in Schule und Arbeitswelt. Vermutlich beginnt es schon im Kindergarten... Hier zwei Häkchen, da ein Befund – schon ist das Gegenüber „greifbar“. Aber ist es wirklich möglich, ein Individuum auf diese Art auch nur ansatzweise zu erfassen? Und vor allem: Welche Potenziale werden erst einmal überhaupt nicht sichtbar, da sie sich in einer solchen  Systematik kaum entfalten, eher sogar zurückgedrängt werden?

 

Ist das Un-Passende, der Widerstand, der sich in mancher Ausprägung zeigt, nicht viel eher Ausdruck (und unbewusster Wunsch) eines Individuums, die für es selbst wirklich relevanten Themen und Aspekte aufzugreifen?

 

Denn: Die Herausforderungen unserer Zeit erfordern ein neues Bewusstsein und neue Kompetenzen - sowohl im privaten als auch im beruflichen Zusammenhang. Echte Denk- und Entwicklungsräume gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Räume, in denen es die Möglichkeit gibt, das Gewohnte beiseite zu lassen und „quer“ zu denken, sich bereits andeutenden Aspekten Raum zu geben – und zu erleben, was wirklich in jedem Einzelnen steckt. Und um neue Verbindungen zwischen den Beteiligten zu knüpfen und der uns innewohnenden Kreativität den Freiraum zu geben, die sie braucht. 

 

In solchen Räumen kann es gelingen, sich für mehr als einen Moment einem größeren Zusammenhang zu öffnen

und die Dinge von einer höheren Warte aus zu betrachten, eine andere Perspektive einzunehmen und dann eben auch zu- und herauszulassen können, was zum Ausdruck gebracht werden will.

 

Wenn dazu noch Spielräume für das Handeln geschaffen werden und Selbstwirksamkeit erlebt werden kann, geschieht etwas Bedeutsames: Hier entstehen jene Momente, in denen wir Ungeahntes in uns entdecken, weil wir „plötzlich“ mit einer Herausforderung kreativ umgehen, und wir uns selbst überraschen. Sie sind kostbar, weil wir eben spüren, dass noch viel mehr in uns steckt... Denn ganz gleich, wie alt wir sind: In uns ruht immer noch etwas, das wir bislang nicht entdeckt haben.

 

Und in einer Zeit, in der geradlinige Lebensläufe immer mehr der Vergangenheit angehören, tun wir gut daran, schon Kinder und Jugendliche darin zu bestärken, sie erleben zu lassen, dass sie ein inneres Wissen und eine innere Weisheit in

sich tragen, die ihnen als Kompass dienen können und denen zu vertrauen sich lohnt.

 

Mehr und mehr wird es darum gehen, das individuelle schöpferische Potenzial zu verwirklichen und die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten zu erkennen, um zu dem Menschen zu werden, als der man gedacht ist. Denn so können wir initiativ und engagiert wirken und sind in der Lage, gemeinsam Zukunft zu gestalten.